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Im Wirtschaftsleben sind die Verhältnisse aus den Fugen geraten: Arbeitslosigkeit, Armut, Finanzkrise, soziale Ungerechtigkeiten. Die Schere zwischen Arm und Reich klafft immer weiter auseinander, und der Staat hat kein Geld mehr für die wichtigsten sozialen Aufgaben wie z.B. für die Ausbildung der jungen Menschen. Tauschringe suchen hier nach neuen Wegen in eine sozialere Form des Wirtschaftens.
In unserem Wirtschaftsleben gibt es große Ungerechtigkeiten bezüglich der Höhe der Bezahlung von Arbeitsleistung. Hier hat sich z.B. durchgesetzt, dass, je höher die universitäre Ausbildung ist, umso mehr steht auf der Gehaltsabrechnung. Das führt dann u.U. dazu, dass für gleiche Arbeit unterschiedliche Gehälter gezahlt werden. Manager in gehobenen Positionen begründen ihre extrem hohen Vergütung mit der 'Verantwortung', die sie ja schließlich tragen. Dies entspricht aber nicht der Realität: Wenn ein Arbeiter einen groben Fehler macht, verliert er seinen Arbeitsplatz. Wenn ein Manager einen Fehler macht, wird oft nur sein Vertrag mit einer extrem hohen Abfindung beendet, und man findet Ihn kurze Zeit später in einer noch lukrativeren Stellung. Man kann diese Beispiele der Ungerechtigkeiten in unserem Erwerbsleben unendlich fortsetzten. Viele Tauschringe versuchen hier, einen anderen Weg zu gehen. Ziel ist die Verhältnisse sozialer zu gestalten. Grundidee ist bei den 'Zeitverrechnungssystemen', dass Arbeitszeit = Lebenszeit ist, und damit für alle Menschen immer gleichviel wert ist. Wenn man also als Verrechnungseinheit die Zeit nimmt, dann sind die Ungerechtigkeiten (siehe oben) der unterschiedlichen Wertigkeiten von Arbeit beseitigt. Ein hohes soziales Ziel, und der Gedanke ist im Ansatz gut: z.B. 1 Std. Rasenmähen = 1 Std. EDV-Dienstleistung. Keine Unterscheidung nach Art der Tätigkeit, eine Stunde ist immer gleich einer Stunde! Leider greift diese Idee zu kurz. Ziel war, die Verhältnisse sozialer zu gestalten. Inzwischen kann man nach über 10 Jahren Tauschringerfahrungen sagen, dass dieses Ziel nicht erreicht wird, und das liegt schon in der Idee begründet. Ich will dies an einigen Beispielen erläutern: - Für eine allein erziehende Mutter von 3 Kindern, die versucht, ihre Lebenssituation der Sozialhilfe (heißt heute Hartz IV) durch Nachhilfestunden zu verbessern, bedeutet eine Stunde Zeit etwas anderes als für einen Studenten, der Wohnung und Lebensunterhalt von seinen Eltern bezahlt bekommt. Die allein erziehende Mutter muß sich die Zeit für die Nachhilfestunden aus ihren ohnehin schon übervollen Zeitplan von Kindererziehung, Haushalt usw. herausschneiden, während der Student überlegen kann, ob er Nachhilfestunden gibt oder doch lieber zu Freunden zum Kaffee trinken geht. Die Mutter hat eigentlich keine Zeit im berfluss, für sie bedeutet eine Stunde viel mehr als für den Studenten! - Es gibt in einem Tauschring viele Angebote, die nicht an die Zeit gebunden sind, weil keine konkrete Arbeitsleistung dahinter steht, z.B. das Vermieten einer Ferienwohnung. Hier wird dann oft mangels Bewertungsmaßstab der 'marktübliche Preis' Zugrunde gelegt, vielleicht mit einem kleinen Abschlag, weil es ja im Tauschring ist. Die Rechnung sieht dann so aus: Die Übernachtung kostet 18,- Euro, der Preis ist im 'Euro-Land' ok. Ursprünglich war festgelegt: 1 DM = 1 Talent. Durch die Währungsumstellung gilt jetzt: 0,5 Euro = 1 Talent. Durch die Umrechnung kostet die Übernachtung 36 Talent. An einer anderen Stelle ist festgelegt, dass man für eine Stunde 10, max. 15 Talent nehmen sollte. Dass bedeutet, dass ich für eine Übernachtung 2-3 Stunden arbeiten muß. Das ist nicht sozialer als in unserer Marktwirtschaft! Die Beispiele kann man fortsetzen. Um hier weiter zu kommen, müssen wir die Grundlagen des wirtschaftlichen Handelns einmal näher betrachten. Anfänglich waren die sozialen Gemeinschaften als Selbstversorger organisiert. D.h., Familien oder Familienclans erzeugten alle Produkte des täglichen Bedarfs selber. Mit Beginn des Tauschhandels in der frühen Ägyptischen Kultur wurden die Waren in die Tempel getragen, wo Priester darüber entschieden, in welchem Verhältnis (Preis) die Waren untereinander getauscht werden konnten und welcher Anteil für die Gemeinschaft (Steuer) abgegeben werden mußte. Diese Festlegung des Tauschverhältnisses machten die Priester in der weisen Einsicht in die sozialen Verhältnisse. Sie wußten, wie es um den einzelnen Tauschpartner stand, ob er in der Lage war, mit seinen Erträgnissen seine Familie zu ernähren. Keiner sollte dabei 'übervorteilt' werden. Die Frage des Tauschverhältnisses ist die Festlegung des Preises einer Ware. Und um zu einem 'sozialen' Preis zu kommen, bedarf es der Einsicht in die Verhältnisse der Tauschpartner. Heute ist der alleinige Handlungsantrieb bei wirtschaftlichen Handlungen (Kaufen, Verkaufen, Tauschen) der pure Eigennutz! Jeder ist bemüht, ein 'Schnäppchen' zu machen und freut sich, wenn er etwas 'unter Preis' erwerben konnte. Die goldene Buchhalter-Regel besagt: Keine Buchung ohne Gegenbuchung! Das bedeutet, dass immer dann, wenn wir wieder etwas billig erworben haben, dann gibt es jemanden, der dafür bezahlt. Kein Mensch macht sich Gedanken darüber, wer dafür bezahlt hat, dass die Discounter-Waren so billig sind. Vielleicht war es, weil ein Chinesischer Wanderarbeiter für einen Lohn in der Höhe des Preises einer Briefmarke eine Woche arbeiten mußte? Vielleicht sogar unter unmenschlichen, gesundheitsgefährdenden Bedingungen? Es interessiert die meisten Menschen garnicht, unter welchen Bedingungen ein Produkt hergestellt wurde, oder wie der billige Preis entstand, Hauptsache, es ist billig! Die Festlegung des Preises einer Ware oder eines Tauschobjektes tangiert immer die soziale Frage: Wenn ich versuche, etwas möglichst billig zu bekommen, bekommt mein Handelspartner dann u.U. zu wenig für seine mühsame Arbeit und ich verursache bei ihm Mangel und Not. Deshalb muß der Handlungsantrieb sein: Wieviel bracht mein Handelspartner! Und nicht: Wie bekomme ich es möglichst billig. Wenn wir so in allen wirtschaftlichen Handlungen versuchen, brüderlich miteinander umzugehen und mit der Frage an den anderen herantreten: "Wie geht es Dir? Was brauchst Du?", dann sind wir auf dem Weg in sozialere Verhältnisse. Mit dem Festlegen der Preise per Bestimmung (z.B. max. 10 Tt./Std.) entstehen keine sozialeren Verhältnisse (siehe oben) und wir nehmen den Menschen die Möglichkeit, sich selber in Freiheit für ein soziales Handeln zu entscheiden. |